Islandpferde am Alten Kanal

 

Nun ist sie endlich auf dem Markt, die lang angekündigte DVD zum Buch „Der Finger in der Wunde“, in deutsch und in englisch konzipiert, um eine möglichst breite Masse zu erreichen.

Dr. Gert Heuschmann ist hier ein echter Wurf gelungen, denn der Film kommt weder lautstark anklagend, noch moralisierend daher. Die Stimmen des Filmes – Heinz Meyer, (Bundestrainer a.D.), David William de Wispelaere, (Grand Prix), Jochen Scheele, (Vielseitigkeit) sind eher leise, ihre Betroffenheit über eigene Fehler der Vergangenheit beeindruckt.

 

Der Film ist gut strukturiert und bedient sich einfachster Bilder, um anatomische Fakten zu demonstrieren, die vielen Reitern aufgrund des äußeren Erscheinungsbildes des Pferdes unvorstellbar erscheinen. So zeigen die brillianten Animationen von Skelett und Rückenmuskulatur – am Laufband vom lebenden Pferd digitalisiert – die Kopf-Hals-Anatomie sehr deutlich. Rote Punkte markieren die Problemzonen an Nackenband und Lendenbereich, wenn das Pferd hinter die Senkrechte bzw in die absolute Aufrichtung gezogen wird.

Spätestens hier muss jedem Reiter klar werden, was am Skelett seines Pferdes wirklich passiert, wenn er über dominante Zügeleinwirkung versucht, die Kopfhaltung zu manipulieren, und wie sensibel das gesamte Konstrukt „am Zügel“ zu sehen ist. Das lebende Pferd läßt ja nicht vermuten, daß ausgerechnet hinter seiner Brust die schlimmsten Verbiegungen stattfinden und daß, so Dr. Heuschmann live auf der Messe „Pferd&Jagd“, immer häufiger schwere Arthrosen der unteren Halswirbel auffallen, wenn unspezifische Stolperbefunde abgeklärt werden.

 

Am Beispiel eines jungen Warmblüters werden Positiv- wie Negativbeispiele in allen Gangarten demnonstriert. Der Reiter scheut sich nicht, das Pferd so eng zusammenzustellen, daß es Pass geht, um zu zeigen, wie sich falsch verstandene Versammlung auf den Rücken auswirkt und warum sich die Hanke nicht mehr beugen kann. Das Reiten über den Kopf hat immer ein verspanntes Pferd ohne aktiven Rücken zur Folge. Alle gezeigten Beispiele hat man live schon mal gesehen und kann anhand der Animation nun nachvollziehen, wie sich die Kaskade Hand-Maul-Rücken auf die Losgelassenheit eines Pferdes auswirkt.

 

Es wird ein langer Weg sein, das Auge zu schulen.

Ob Richteraugen, die Strampelei hoch benoten, oder Zuschaueraugen, die sich bei korrekter Reitweise langweilen, oder Reiteraugen, die nie gelernt haben, wie etwas richtig aussieht – sie alle werden durch diesen Film aufgefordert, genauer hinzuschauen und ihr Tun zu hinterfragen.

Dabei spielt es keine Rolle, daß die gezeigten Pferde Warmblüter sind. Anatomie und Biomechanik eines Islandpferdes sind identisch mit der eines Großpferdes, die Halswirbelsäule wird bei Krafteinwirkung genauso geschädigt, der Kreuzbeinbereich genauso verzogen.

Spätestens beim Anblick der bewegten Animation ist erkennbar, daß das Zurücksatteln zugunsten einer besseren „Schulterfreiheit“ gar keinen Sinn macht, weil der Sattel das Schulterblatt in der Bewegung überhaupt nicht stören kann.

 

Bewegte Bilder beeindrucken mehr als trockene Texte. Man darf erwarten daß dieser Film weitaus mehr Pferdeleute erreichen wird.

Heuschmanns Film sei jedem Ausbilder, Richter, und jedem Reiter ans Herz gelegt.

©Dagmar Trodler

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